HIV-Infektion

Das Humane Immundefizienz-Virus (englisch human immunodeficiency virus), zumeist abgekürzt als HIV gehört zur Familie der Retroviren. Eine unbehandelte HIV-Infektion führt nach einer unterschiedlich langen, meist mehrjährigen symptomfreien Latenzphase in der Regel zu AIDS (engl. acquired immunodeficiency syndrome‚ erworbenes Immundefizienzsyndrom‘). Eine unbehandelte HIV Infektion hat unterschiedliche Stadien. Nach der Ansteckung kommt es zu einer akuten HIV-Infektion. Wegen der Ähnlichkeit mit grippalen Infektionen bleibt die akute HIV-Infektion oft unerkannt. Die Symptome der akuten HIV-Infektion dauern selten mehr als vier Wochen an. In der folgenden, meist mehrjährigen Latenzphase treten meistens keine gravierenden körperlichen Symptome auf. Danach kommt es vielfach zu ersten Erkrankungen, die auf ein mittelschwer geschwächtes Immunsystem zurückzuführen sind. Schlussendlich treten bei schwer eingeschränktem Immunsystem AIDS definierende Erkrankungen auf.

Heute ist die HIV Infektion gut behandelbar. Mehr zum Thema

 

Akute HIV-Infektion

Epidemiologie

Die Phase der akuten HIV Infektion (auch: HIV-Primoinfektion) umfasst den Zeitraum der ersten drei bis sechs Monate nach Ansteckung. Daten aus Studien weisen darauf hin, dass ca. 40% der HIV-Neuinfektionen durch Personen mit einer akuten HIV Infektion übertragen werden. Der Erkennung und frühen Behandlung der akuten HIV Infektion kommt deshalb auch aus Sicht der öffentlichen Gesundheit eine wichtige Bedeutung zu und eine Frühtherapie zum Zeitpunkt der Infektion stellt eine effektive Massnahme dar, die Übertragungsrate in der Bevölkerung zu senken. Es ist deshalb entscheidend, dass bei Personen aus Risikogruppen und sexuellem Risikoverhalten niederschwellig ein HIV-Test veranlasst wird.

Symptome

Die akute HIV-Infektion manifestiert sich in 70% als grippeartiges Syndrom (sogenanntes akutes retrovirales Syndrom). Die häufigsten Symptome und Zeichen sind Fieber, Abgeschlagenheit, Halsschmerzen, Hautausschlag, Lymphknotenschwellung und Durchfall (siehe Tabelle 1). Allerdings sind diese Symptome zu unspezifisch, um eine akute HIV Infektion sicher diagnostizieren oder ausschliessen zu können. In einem Drittel der Fälle kann sich die akute HIV Infektion symptomlos, symptomarm oder mit unerwarteten Symptomen präsentieren.

Tabelle 1: Symptome der akuten HIV Infektion bei 290 Patienten aus der Zürcher Primoinfektions Kohorte (Braun et al, Clinical Infectious Diseases, 2015).

Symptome
Anzahl
Prozent
Angaben in der Literatur
Akutes retrovirales Syndrom (ARS)
202
70
66-90%
Kein ARS oder unerwartete Symptome
88
30
10-35%
Fieber
178
88
25-90%
Abgeschlagenheit
122
60
20-90%
Halsschmerzen
103
51
50-70%
Hautausschlag
94
47
>40-80%
Lymphknotenschwellung
91
45
40-70%
Kopfschmerzen
74
37
32-70%
Nachtschweiss
68
37
9-50%
Durchfall
71
35
30%
Gliederschmerzen
56
28
56%
Übelkeit
53
26
30%
Gelenksschmerzen
44
22
30%
Erbrechen
24
12
22%
Orale Ulzerationen
24
12
10-20%
Aseptische Hirnhautentzündung
10
4
12%
Genitale Ulzerationen
7
3
5-15%

 

Diagnostik

Als HIV-Suchtest wird heutzutage ein Kombinationstest eingesetzt (sog. HIV Combo test) der das HIV p24-Antigen und Antikörper gegen HIV-1 und HIV-2 nachzuweisen vermag. Die heute routinemässig verwendeten HIV-Suchtests der 4. Generation vermögen eine akute HIV Infektion in den meisten Fällen nach ca. zwei bis drei Wochen zu detektieren, ein abschliessender Test drei Monate nach Risikosituation ist aber weiterhin empfohlen. Der routinemässige Einsatz einer HIV-PCR wird in der Praxis nicht als Suchtest empfohlen. Falls der HIV-Suchtest negativ ausfällt und der Verdacht auf eine akute HIV-Infektion hoch ist, sollte dieser zwingend ein bis zwei Wochen später wiederholt werden.

Therapie

Die aktuelle Datenlage weist darauf hin, dass eine antiretrovirale Frühtherapie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann und zusätzlich hilft, weitere Infektionen zu vermeiden. Die Frühtherapie unterscheidet sich hinsichtlich der Zusammensetzung und Wahl der Substanzen nicht wesentlich von einer HIV-Langzeittherapie. Die Frühtherapie wird heutzutage von den meisten internationalen Fachgremien empfohlen. Eine Frühtherapie sollte durch mit HIV erfahrene Ärzte begonnen werden, z.B. im Rahmen der Zurich Primary HIV Infection Study auf der Klinik für Infektionskrankheiten am UniversitätsSpital Zürich.

Kooperation

http://www.viralinfectiousdiseases.uzh.ch/ZPHI.html

Chronische HIV-Infektion

Epidemiologie
Im Jahr 2015 lebten weltweit ungefähr 37 Mio. Personen mit HIV, 69 % davon in Afrika südlich der Sahara. Es wurden in diesem Jahr 2 Mio. Personen neu mit HIV infiziert, 95 % davon in Ländern mit tiefen oder mittleren Einkommen und 1.2 Mio. Menschen starben an den Folgen von HIV und AIDS.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schätzt, dass in der Schweiz 13'000 – 20'000 Menschen mit HIV/AIDS leben. Dies ergibt eine Prävalenz von 2.7 – 3.6 pro 1000 Einwohner. Die Prävalenzzahlen des BAG ähneln den Berechnungen der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHCS), welche die Zahl HIV infizierter in der Schweiz auf 15'000-20'000 schätzt.

Symptome

Es gibt keine Symptome oder Zeichen, welche eine HIV Infektion sicher ausschliessen oder diagnostizieren lassen. Bei Patienten welche sich frisch mit HIV infizieren, tritt in ca. zwei Drittel der Fälle ein sogenanntes akutes retrovirales Syndrom auf, welches gemeinhin als Grippe-artig beschrieben wird (siehe auch die akute HIV-Infektion). Da die Symptome sowohl in der akuten als auch in der chronischen Phase sehr unspezifisch sind und sich die HIV Infektion auch symptomlos oder unerwartet manifestieren kann, wird die Diagnose häufig verpasst oder verkannt. Es ist deshalb unerlässlich, auch bei Fehlen von Symptomen oder bei atypischen Symptomen an eine HIV Infektion zu denken, wenn die Vorgeschichte (vorangegangene sexuelle Risikokontakte) beziehungsweise die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe (Männer die Sex mit Männern haben, wechselnde Sexualpartner) hinweisend sind. In diesem Fall sollte niederschwellig ein HIV-Test veranlasst werden.

Diagnostik

Für das HIV-Screening werden kombinierte Tests (sog. Combotests) eingesetzt, die sowohl HIV-Antikörper gegenüber HIV-1 und HIV-2 als auch HIV-1 p24 Antigen erkennen. Bei der Hälfte der neu HIV-infizierten Patienten zeigen die kombinierten Tests innerhalb von etwa 16 Tagen nach Ansteckung die HIV-Infektion an, bei der anderen Hälfte dauert es allerdings zum Teil wesentlich länger. Deshalb gilt immer noch, dass eine HIV-Infektion erst mit einem negativen HIV-Test 3 Monate nach HIV-Exposition ausgeschlossen werden kann. Bei äußerst besorgten Personen und bei Personen, die nachweislich sexuellen Kontakt mit unbehandelten HIV-infizierten Patienten hatten, kann allenfalls ein HIV-Test schon vier bis sechs Wochen nach Risikokontakt Sinn machen. Ein negativer Test zu diesem Zeitpunkt ist jedoch nicht beweisend für den Status „HIV-negativ"; ein abschließender Test ist drei Monate nach potentiellem Risiko absolut indiziert. Combotests sind auch als Schnelltests für Arztpraxen oder HIV-Teststellen erhältlich; die Sensitivität dieser Schnelltests ist bei Patienten mit akuter HIV-Infektion jedoch deutlich weniger gut als die Sensitivität der Labortests.

Therapie

Der Erfolg der antiretroviralen Therapie gegen HIV-1 ist einzigartig in der modernen Medizingeschichte. Eine zuvor fast 100 % tödliche Erkrankung konnte in eine chronisch behandelbare Krankheit umgewandelt werden. Wird heute gemäß internationaler Empfehlungen früh mit einer antiretroviralen Therapie begonnen, können die negativen Effekte des HIV-1 Virus auf den menschlichen Organismus minimiert werden. Dies führt bei sonst gesunden HIV-infizierten Menschen zu einer nahezu normalen Lebenserwartung. Zusätzlich sind Patienten unter erfolgreicher Therapie nicht mehr infektiös, was für die Eindämmung der Pandemie von entscheidender Bedeutung ist. Die International Antiviral Society–USA (IAS-USA) empfiehlt in der aktuellsten Version ihrer Guidelines, dass eine antiretrovirale Therapie (ART) allen HIV-infizierten Patienten angeboten werden sollte, unabhängig von deren CD4-Zellzahlen. Die Guidelines stützen sich dabei auf die Ergebnisse der Daten aus Kohorten Studien, welche zeigen konnten, dass der Nutzen einer Therapie im Vergleich zu den Risiken heute eindeutig überwiegt. Da die ART zudem ein hochwirksames Element der Prävention ist, macht es Sinn so viele Patienten so früh wie möglich zu behandeln. Zur Prävention von Resistenzen und Verbesserung der Wirksamkeit ist die ART meistens eine Kombination der verschiedenen Substanzklassen. Welche Kombination eingesetzt wird, ist eine komplexe Entscheidung, bei der Therapievorgeschichte, Nebenwirkungs- und Resistenzprofil, Begleiterkrankungen und Medikamenteninteraktionen beachtet werden müssen.

www.eacsociety.org

www.iasusa.org